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Geschlechtsspezifische Arbeit: Videoproduktion mit Jungen

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 O-Töne aus Videoproduktionen zum
   Thema »Geschlechtsspezifische Arbeit«


Die Lust am Film, und dies gilt für den Filmemacher genau wie dem Rezipienten, ist keine theoretische, sondern zeigt sich als Kombination der verschiedenen Sinne, als Zusammenspiel von Kopf und Herz, von Intellekt und Emotion. Eine theoretische Reflexion über das Filmemachen ersetzt dieses Sinnliche schnell durch das Sinnvolle. Filme selbst sind zwar Grundlage von filmischen oder medienpädagogischen Theorien, Bücher schufen jedoch selten Filme.

Die im folgenden beschriebenen medienpädagogischen Konzepte und Erfahrungen aus Videoprojekten mit Jungen stammen aus meiner langjährigen Arbeit für das Medienprojekt Wuppertal. Sie sind so oder ähnlich leicht übertragbar, da Wuppertaler Jungen nicht wesentlich netter, intelligenter, reflektierter oder filmisch ambitionierter sind als andere Jungen in Deutschland. Mit dem in diesem Artikel benutzten Sammelbegriff »Jungen« sind verkürzt verschiedene Altersgruppen vom Teeny, über »den« Jugendlichen bis zum jungen Erwachsenen, also Jungen und junge Männer im Alter von 13 bis Anfang 20 Jahre zusammen gefaßt.

Damit der übergeordnete Rahmen der vorgestellten Projekte nachvollzogen werden kann, werden kurz einige Informationen zum »Medienprojekt Wuppertal« und seiner (geschlechtsunabhängigen) Konzeption zusammengefasst: Der Wuppertaler Ansatz von aktiver Jugendvideoarbeit nutzt Video nicht (vorrangig) als zeitgemäße, pädagogisch wirksame Methode der Freizeit- oder Bildungsarbeit, sondern will Jugendlichen durch selbst produzierte Filme die Möglichkeit zur kreativen Artikulation ihrer Ästhetiken, Meinungen und Lebensinhalte geben.

Das Motto ist: Das bestmögliche Video für das größtmögliche Publikum. Video wird als kommunikative, neue Kulturtechnik gesehen, die Lust am Film und am künstlerischen wie inhaltlichen Ausdruck stehen bei den TeilnehmerInnen wie den unterstützenden MitarbeiterInnen im Vordergrund. Das Kino als Präsentationsort ihrer Filme wird so die Bühne, wo Jugendliche ihre sinnhaften oder sinnlosen Geschichten erzählen können; von dem, was in ihren Herzen und Köpfen vorgeht, und wo sie sich selbst sexy, intelligent, witzig oder politisch darstellen können. Wo zwischen ihren Ängsten und Träumen - sich selbst inszenierend oder sich und ihr Umfeld dokumentierend - Realitäten und Illusionen verschwimmen.

Die dominierenden Themen der Jugendlichen in ihren Kurzspielfilmen, Reportagen, Trickfilmen, Dokusoaps und Musikvideos sind ­ wie bei ihren »großen« Vorbildern in Kino und Fernsehen - Liebe bzw. Sex und Gewalt; nicht weil sie dort nur abgucken würden, sondern weil beide mit ihren lustvollen und problematischen Anteilen in dieser Lebensphase eine besonders dynamische Rolle spielen und außerdem kreativ unerschöpfliche Themen sind.

Das »Medienprojekt Wuppertal« ist mit ca. 100 Filmen pro Jahr die bundesweit größte und ambitionierteste Videoproduktion für Jugendliche und junge Erwachsene. Diese werden hier produktorientiert bei ihren Videoproduktionen unterstützt, ihre Kurzfilme im Kino, in Schulen und Jugendeinrichtungen präsentiert und als Bildungsmittel bundesweit vertrieben. Durch diesen konkurrenzlosen Vertrieb wird die für die Jugendlichen kostenlose Produktion finanziert. 1/3 der jungen VideomacherInnen produzieren hier privat in Freundesgruppen, der Großteil filmt im Rahmen von Schulprojekten, Jugendtreffs, Vereinen und Beratungsstellen. Die Videos werden, soweit notwendig, von professionellen FilmemacherInnen aus der Region angeleitet.

Jungenbilder

Vieles an der Videoarbeit mit Jungen ist geschlechts-unspezifisch. Die Unterschiede zwischen Filmen von Jungen und Mädchen und der Videoarbeit mit ihnen haben nicht vorrangig ihre Ursache im Geschlecht sondern im sozialem und gesellschaftlichem Kontext. Das heißt eine Jungenvideoproduktion ist erst einmal eine junge Videoproduktion, wo nicht das Geschlecht sondern das Entwicklungsstadium, der kulturelle und soziale Hintergrund und der Bildungsgrad eine primäre Rolle in der Art der künstlerischen und inhaltlichen Artikulation spielen.

Sieht man Filmen das Geschlecht des Regisseurs an oder das des Produzenten? Die Reproduktion von Rollenklischees ist geschlechts-unabhängig und eher abhängig vom Grad der eigenen Reflexion bzw. Dummheit. Auch Jugendliche übernehmen zum Teil in ihren Filmen die von Ihnen medial rezipierten ewig (re)produzierten Rollenklischees. Die Vorbilder aus Fernsehen und Kino prägen Bilder und lenken Phantasien. Nicht immer sind sie jedoch in diesen scheinbar dominierenden, aber doch tragisch-fragilen Rollen als Potenzprotz, welcher Frauen oft nur als Sex- und Machtobjekt zur Selbstpräsentation (ge)braucht, im Bilde eines Supermannes, Highlanders, Action-Heros, Commanders, Westernhelden, Soldaten oder Kommissars (unter sich) wirklich glücklich. Vielleicht auch, weil ihre eigenen Filme näher an ihre reale Identität herankommen als folgenlose Onaniephantasien.

Diese Heldenmythen, vergleichbar mit den Märchen- und Sagenfiguren aus prämedialen Epochen, wirken also einerseits antagonistisch zum tatsächlichen Männerinteresse, in dem sie die Jungen unter einen ständigen, unrealistischen Leistungsdruck setzen. In ihrer Irrealität haben sie im filmischen Spiel mit der Illusion aber auch etwas Leichtes und Schönes. Denn gerade wer im Alltag versagt, oder besser, dem der Alltag versagt wird, kann sich als Filmemacher oder auf der Leinwand als Held projizieren. Denn mal Held sein ist schön, dauerhaft im Leben aber sehr anstrengend, weil unmöglich. Aber auch der Rollenwechsel bis hin zum Tausch der Geschlechtsrolle ist für Jungen scheinbar folgenlos möglich. So wird Filmen zum Pausentraum wie auch zum Experiment für das Leben. Spaß am Film heißt dann seinen Spaß am Jung-Sein wie Spaß am Junge-Sein zu zelebrieren. Jungenvideoarbeit arbeitet also nicht defizität, sondern lustvoll und reflektiert nach vorne gerichtet.

Jungen drehen genauso gerne Filme und in der Regel in den gleichen Rollen wie Mädchen, wenn man sie lässt. Neben vielen Ähnlichkeiten im Film und beim Filmen spiegeln sich aber auch hier zum einen geschlechtsspezifische Rollensozialisationen und zum anderen die Bilder wieder, mit denen Jungen im professionellen Film und in der Werbung aufwachsen.

Jungen gelten im medialen Umgang als stärker technikorientiert, bei Mädchen dominieren kommunikative Fähigkeiten- sagen viele Fachleute. Andererseits dominierten in der Künsten historisch immer Männer, aber eher wegen des patriarchalischen Umfeldes, denn Kunst ist ­ zumindest nach traditionellen Geschlechterkategorien ­ eher weiblich und Kreativität geschlechtsunabhängig. Ohne Aneignung des Filmhandwerks und der Filmtechnik entsteht genauso wenig ein Film wie ohne eine gute Kooperation und Kommunikation beim Konzept, auf dem Set und bei der Montage.

Einen wichtigen Unterschied macht es jedoch, ob geschlechtshomogen oder koedukativ produziert wird. Wo ist das (gleiche) Geschlecht beim Filmen wichtig: Wenn Jungen gemeinsam Filme produzieren, nutzen bzw. entwickeln sie durch eine weitgehende Autonomie gegenüber den Interessen von »ihren« Mädchen Nähe zueinander, auch auf Grund eines solidarisches (manchmal nicht ausgesprochenes) Wissen voneinander. Sie können freier ihre Rolle in Filmrollen reflektieren.

Der Autor muß beim Entwerfen der Filmideen und des Storyboards neugierig sein, kreativ verschiedenes zusammenbringen. Der Kameramann als »das Auge« muß besonders sensibel und aufmerksam Stimmungen erkennen und visuell erzeugen. Der Regisseur als Lenker, Bestimmer und Dompteur zeigt besondere kommunikative und organisatorische Fähigkeiten, er muß verschiedene Einzelinteressen in der Gruppen- und Produktionsdynamik mit dem gemeinsamen Interesse an einem möglichst guten Film verbinden können. Der Interviewer muß nachfragen, Interesse am anderen haben und zeigen. Bei der Montage in der Postproduktion verbinden sich gedankliche, künstlerische Virtualität und der doppelte Blick des Filmemachers mit dem des Publikums zusammen mit der ausdauernden Beherrschung der für die Postproduktion notwendigen Computertechnik.

Learning by doing. Konzepte und Verläufe zur Jungenvideoarbeit.

Wenn man Jungen wie ihr Filmemachen Ernst nimmt und dies nicht nur als pädagogische Methode sieht, heißt das für die Produktion:

  • Die Filme müssen adäquat präsentiert werden. Alle von Wuppertaler Jugendlichen produzierten Videos werden in Kinos per Großbildprojektion uraufgeführt. Das Kino als Präsentationsort ihrer Filme wird so die Bühne, wo Jugendliche ihre sinnhaften oder sinnlosen Geschichten erzählen, wo sie sich selbst sexy, intelligent, witzig, politisch aber auch mal im negativen Fall langweilig, dumm oder sexistisch darstellen können. Hier gibt es unmittelbare Reaktionen im Publikum in Anwesenheit der FilmemacherInnen. Die Videos werden jedoch nie pädagogisch-angeleitet und -beeinflußt diskutiert sondern nur informell unter den Jugendlichen, wenn sie der Film tatsächlich berührt, unterhalten, angeregt oder aufgeregt hat.
  • Es muß adäquates Video-Equipment auf dem aktuellen Stand der Technik vorhanden sein, um nicht die Mühe beim Dreh mit verrauschten Bildern und Tönen beim digital-verwöhnten Publikum untergehen zu lassen.
  • Die Filme von AnfängerInnen sollten von Personen angeleitet werden, die Lust am Film haben und das Filmhandwerk verstehen, das heißt in der ersten Linie von FilmemacherInnen und nicht unbedingt PädagogInnen.
  • Alle Schritte der Videoproduktion vollziehen sich in Arbeitsblöcken »learning by doing«: Beim Drehkonzept reflektiert die Gruppe ihre Ideen im Zusammenhang mit biografischen Erlebnissen (Filmgeschichten sind die eigene Geschichte) und Realisierungsmöglichkeiten in der Rollenbesetzung, Drehorten etc.. Videofilmen ist kein Rollenspiel, für den Zuschauer sollen Illusionen gezaubert werden, die diesen mit realen Gefühlen einnehmen. Ein schlechtes Konzept wird nie ein guter Film, umgekehrt passiert es schon manchmal als Unglücksfall. Kamera, Regie, Licht, Interviewführung und Schnitt wird den Jungen nicht in theoretischen Schulungen sondern arbeitsteilig in festen Rollen auf dem Filmset bzw. bei der Postproduktion beigebracht. Den Schwerpunkt bildet hierbei nicht die Technikvermittlung sondern die kreative Bildgestaltung in Abhängigkeit zu der erzählten Geschichte. Von einem Film zum anderen werden sie so autonomer in ihrer eigenen Produktion.
Projektbeispiele von jungenspezifischen Thematisierungen:

Neben geschlechtsspezifischen Videoprojekten, in denen Jungen ausschließlich mit Jungen Filme drehen auf Grund von Freundschaften, Filmidee-orientiert oder weil »zufällig« keine Mädchen da waren (bzw. diese keine Lust auf die Jungen oder ihre Ideen haben), stehen die reflektierten Videoprojekte für Jungen, die ihre gezielte Selbstthematisierung unterstützen. Es werden hier im folgenden Projektbeispiele vorgestellt, welche die vielfältigen Themen der Jungen-Identitätsfindung und -lebenswelten berühren.

1. »Der Mann, die Schere und ich« - Videoarbeit mit Migranten

Junge Migranten aus unterschiedlichen Herkunftsländern (Eritrea, Marokko, Türkei) wollten als Besucher eines multikulturellem Jugendzentrum ein Video zum Thema »Beschneidung« drehen, welche für sie als wichtiger, sie von deutschen Jungen unterscheidender Teil ihrer kulturellen Identität empfunden wurde. Sie waren alle beschnitten und hatten zwar insgesamt eine positive Grundeinstellung dazu, aber meistens ihre eigene Beschneidung in ihren Herkunftsländern als traumatisch erlebt. Durch die Filmarbeit wollten sie nun erfahren, warum sie selbst beschnitten wurden und andere, insbesondere deutschen Jungen und Mädchen, hierüber informieren, um Vorurteile abzubauen. Für das Drehkonzept der 30minütigen Dokumentation wurde ausführlich über die Erfahrungen und die Einstellungen der Jungen zur Beschneidung diskutiert. Erörtert wurden medizinische, kulturelle, religiöse und sexuelle Aspekte, wobei letztere in Bezug auf die Vor- und Nachteile für die Selbstbefriedigung, die Empfindlichkeit beim Sex und die Attraktivität für Mädchen eine für alle spannende und oftmals kontroverse Diskussion auslösten. Für den Film interviewten sich die 18jährigen Jungen gegenseitig, befragten einen islamischen Geistlichen, einen türkischen Arzt, der Beschneidungen vornimmt und eine progressive Islamwissenschaftlerin. Außerdem filmten sie die Beschneidung eines 9jährigen türkischen Jungen und interviewten ihn und seine Eltern hierzu.

2. »Das war Sex – Nein, das war Gewalt« Videoprojekte gegen sexualisierte Gewalt

Zwei Jahre in Folge veranstaltete das »Medienprojekt« in Zusammenarbeit mit verschiedenen Frauenorganisationen, Jugendeinrichtungen und Beratungsstellen Videoworkshops gegen sexualisierte Gewalt. Jeweils 7 Mädchen und 3 Jungengruppen sollten geschlechtsgetrennt Filme zum Thema drehen, wobei im ersten Jahr unter dem Motto »Leben mit dem Feind« die teilnehmenden Jungengruppen ihre (potentielle) Täterschaft thematisieren sollten.

Im zweiten Jahr waren unter dem Slogan »Nicht mit uns« auch Jungen als Opfer gefragt. Beide Projekte hatten im Jungenteil nicht nur wegen der Dominanz und Ansprüche der Frauen(institutionen) und dem Fehlen von gleichwertigen Männerstrukturen große Schwierigkeiten in der Realisierung. Im ersten Jahr entstand unter anderem der Kurzfilm »Sah ein Knab ein Röslein stehn« von sechs 18jährigen Gymnasiasten, die sich eher aus filmischen als aus thematischem Interesse beteiligten. Als sensible, intellektuelle Jungen konnten sie Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch nicht nachvollziehen und sahen sich selbst diesbezüglich unbeteiligt weil unschuldig. Am meisten konnten sie mit ihrer Solidarität mit Mädchen als Opfer anfangen.

In sexualisierter Gewalt mutmaßten sie sexuelle Motive der Täter. Über den ganzen Projektzeitraum zog sich die Diskussion über den Unterschied von Sexualität und Gewalt, welcher dann Thema des Videos wurde. Ein Junge beichtet im Film einem Freund die Vergewaltigung seiner Partnerin und erkennt bzw. enttarnt hierbei nach und nach seine Motive und die Folgen seiner Tat für das Mädchen. In der Entwicklung des Filmes wechselt der Vergewaltiger sechsmal den Darsteller um die Allgegenwärtigkeit und Übertragbarkeit der Figur zu verdeutlichen. Im zweiten Projektjahr gab es große Schwierigkeiten ­ im Gegensatz zu den parallel arbeitenden Mädchengruppen ­ Jungen zu finden, die als Opfer von sexualisierter Gewalt diese in Filmen thematisieren wollten. Dieses hatte verschiedene Gründe wie das weitgehende Fehlen entsprechender Hilfe-Einrichtungen für Jungen und Männer und die doppelte Tabuisierung der Jungen als Opfer von noch dazu in der Regel gleichgeschlechtlichen Tätern und der lange Zeitraum des Schweigens von der Tat bis zu ihrer Bearbeitung. Für ein Video fanden sich dann 3 Männer im Alter von Mitte 20, die anonymisiert Erlebnisse von sexualisierten Übergriffen aus ihrer Jugend erzählten. Was sie selbst so schlecht, so schmerzhaft und so langwierig nur verarbeiten konnten, sollte anderen Jungen eine Hilfe sein, sich besser wehren oder nach einer Tat helfen lassen zu können.

3. »Der Schwanz im Kopf« - Videoprojekte zur Jungensexualität

1996 bis 1997 führten wir das Videoprojekt »Jungenlust. Jungenfrust« durch. Innerhalb dieses Zeitraumes wurde von 12 verschiedenen Jungengruppen jeweils über 2 Monate ein Video zu einem spezifischen Aspekt ihrer Sexualität produziert. Alle Videos (Kurzspielfilme, Trickfilme, Dokumentationen) sollten dokumentarische Anteile haben, die aus einer ausführlichen Selbstexploration der Gruppe resultieren. So waren die Filme auch Abbild von den Knoten und gelernten Rollenbildern ihrer Macher, blieben immer subjektiv und beschrieben deswegen, auch wenn sie repräsentativ für viele sind, nie die Wirklichkeit aller Jungen bzw. Männer. Die Themen der Videos waren Selbstbefriedigung, sexuelle Befriedigung beim Heterosex, das erste Mal, Potenz, Sex und Liebe, Verhütung, sexuelle Phantasien, schwuler Sex und Sexualität ausländischer Jungen. Außerdem wurde das Thema »Sexualisierte Gewalt« bearbeitet, obwohl diese als Gewaltakt nicht zur Sexualität von Jungen bzw. Männern gehört, deren Sexualität jedoch i.d.R. (negativ) beeinflußt. Jungen und Mädchen erleben ihre sexuelle Sozialisation in einer patriarchalisch strukturierten Gesellschaft unterschiedlich problematisch. Um selbstbewußte, befriedigende Beziehungen erleben zu können, suchen Jungen nach einer neuen männlichen Identität im Spannungsfeld von traditionellen männlichen Rollenmustern, den emanzipativen Bedürfnissen der »neuen« Mädchen und eigenen Vor- und Nachteilen innerhalb (aufbrechender) patriarchalischer Machtstrukturen. Eine komplexe, befriedigende sexuelle Handlungskompetenz wird bei Jungen insbesondere durch kommunikative und informationelle Defizite behindert, d.h. Jungen reden zu wenig (im Detail) über ihre Sexualität. Das Videoprojekt »Jungensexualität« folgte der Analyse, daß Jugendliche in ihrer Peer group die stärkste Auseinandersetzungs- und Lernebene finden. Jungen klärten sich in den Videoprojekten durch die Aufarbeitung der eigenen sexuellen Erfahrungen, Wünsche und Ängste gegenseitig auf. Sie schafften in den von ihnen hierüber produzierten Videos für andere Jungen (sowie Mädchen) eine Informations- und Auseinandersetzungsebene, die den ZuschauerInnen einen Spiegel für ihre eigene sexuelle Identität vorhalten. In diesem Rahmen wurde auch das Video »Spanner« zum Thema »Selbstbefriedigung« von sechs Jungen der 10. Klasse einer Gesamtschule realisiert. Die intensiven Selbstinterviews der Jungen untereinander zu ihren Erfahrungen und Vorstellungen mit der Ohhh-Nah-Nie werden umfasst durch die wiederkehrende fiktionale Geschichte eines Spanners, der Latex-maskiert und angeseilt (Medienpädagogik meets Erlebnispädagogik) an der Rückseite eines Wohnhauses in die Wohnungen spannt und dort jedes Mal Jungen beim Wichsen sieht. Diese Situationen entsprechen dem Erlebten der beteiligten Jungen: Sie tun es im Bett, unter der Dusche, auf dem Klo mit einer Zeitschrift und gemeinsam vor dem Fernseher. In den Vorgesprächen zum Drehkonzept konnten die Jungen zwar schnell und locker äußern, dass sie »es« alle tun, genauere Erfahrungen zu beschreiben (wann, welche Technik, wo, wie oft, welche Phantasien etc.) war ihnen vor den anderen Jungen zu Anfang peinlich, obwohl sie alle untereinander befreundet waren. In pseudoaufgeklärten Zeiten gilt es als »normal« für Jungen, sich (sexuell) selbst zu befriedigen, darüber mit anderen Jungen näher zu reden, löst oftmals latente Schwulsein-Ängste bei ihnen aus. Und für ihre (potentiellen) Freundinnen darf die Selbstliebe der potenten Jungen nicht zur Konkurrenz werden.

4. »Anal Okay« - Videoprojekte mit schwulen Jungen

Wenn schwulen Jungen Filme drehen, und sie machen es gerne, wenn man sie lässt oder überhaupt wahrnimmt, thematisieren sie sich und ihre (Sub-)Kultur fast ausschließlich selbst. Sie fühlen sich jung und sexy und zeigen dies in ihren Filmen. Im Vordergrund stehen Sex in allen Spielarten, Beziehungen zu anderen Jungen, tuntig sein, die erwachsene schwule Subkultur und das Verhältnis zu männlichen Heteros und lesbischen Mädchen. Durch ihre offenere Thematisierung von Sexualität und Beziehung im Alltag können sie auch filmisch intimer werden. Sie haben Spaß an der Selbstinszenierung und verarbeiten manchmal mit ihren Provokationen ihre eigene gesellschaftliche Ausgrenzung. Trotz der latenten Frauenfeindlichkeit kommen diese Filme durch ihre unterhaltsame Direktheit mit Beziehungsreflexionen bei Hetero-Mädchen und Frauen und natürlich anderen Schwulen gut an, auf Heterojungen wirken sie provozierend bedrohlich. Neben dem eigenen lustvollen medialen Abfeiern vollzieht sich jedoch ­ ähnlich wie bei ihren Hetero-Alterskameraden ­ kaum eine Auseinandersetzung mit eigenen Identitätsproblemen oder den Personen hinter den potenten Klischees. Spielerisch wiederholen sie pointiert solche Klischees, um sich (hetero)gesellschaftlich erst einmal spürbar zu machen. Im Rahmen des Videodokusoap-Projektes »Liebe im Regen« nahm neben zwei Hetero- und einem lesbischen Pärchen auch ein schwulen Pärchen teil. Über ein Jahr hinweg dokumentierten sie täglich ihr (Beziehungs)Leben mit der Videokamera. Jeden Monat wurde hiervon ein Zusammenschnitt öffentlich präsentiert. In den Serienfolgen waren so Höhe- und Tiefpunkte des (fast) normalen Beziehungsleben tagebuchähnlich zu sehen. ZuschauerInnen konnten hierbei beim Blick durch´s Schlüsselloch neben dem unterhaltsamen Spaß ihr eigenes Liebesleben reflektieren und den (fehlenden?) Unterschied im Beziehungsleben von hetero- wie homosexuellen Liebschaften zwischen Partnersuche, Verliebtheit, Streit, Langeweile im Beziehungsalltag, Trennung und glücklichem bis einsamen Single-Dasein (wieder)erkennen. Für das Videoprojekt »Jungensexualität« drehten zwei schwule Pärchen eine Dokumentation über ihr Beziehungsleben und ihre Sexualität. Neben so offen geführten Selbstinterviews, daß konservative Wuppertaler Politiker aufgebracht nach Zensur riefen, wurden eigene Knutschereien und verschiedene sexuelle Erlebnisse mit Barbie-Figuren ästhetisiert nachgestellt.

5. »Noch mehr Mörder« - Jungen drehen Videos zum Thema Gewalt

Gewalt ist eines der dominierenden Themen, wenn Jugendliche ­Jungen wie Mädchen - selbst Videos drehen. Genrespezifisch inszenieren sie gewaltvolle Geschichten in Spielfilmen wie ihre großen »Vorbilder« Kino und Fernsehen. In Reportagen und Dokumentationen zeigen sie die reale Gewalt, die sie umgibt. Opfer medialer Gewalt sind sie, so aktiv, nie. Eine politische und pädagogische Gewaltdiskussion, die sich mit den Folgen medialer Gewalt für Jugendliche, und eine mediale Gewaltdiskussion, die sich mit den Gefahren durch gewalttätige Jugendlichen beschäftigt, lenkt davon ab, daß Kinder und Jugendliche im viel größeren Ausmaße Opfer als Täter von direkter und struktureller Gewalt sind, und zwar in der Regel Opfer von Gewalt durch Erwachsene. Sie werden geschlagen, sexuell missbraucht, gedemütigt. Sie leiden unter Armut, Flucht aus Krisengebieten und Menschenrechtsverletzungen. Sie werden krank und behindert von Umweltzerstörungen. Ihnen wird mit Trennungen der Eltern Vater- oder Mutterliebe vorenthalten. Sie sind besonders betroffen von Ausbildungsnot und Arbeitslosigkeit. In ihren Filmen zeigen Jugendliche die Gewalt, die sie selbst erleben und unter der sie leiden. Die dargestellten Probleme sind von ihnen als Opfer oftmals nicht (kurzfristig) zu lösen, da Erwachsene für sie verantwortlich sind. Die Darstellung schafft ihnen jedoch eine positive Artikulationsmöglichkeit ihrer Ohnmacht zu entfliehen, sich anderen mitzuteilen, die vielleicht ähnliche Erfahrungen haben und verständnisvoll solidarisch sein können. Neben Liebe und Sexualität ist Gewalt schon historisch ein zentrales, kreativ unerschöpfliches Thema in allen Künsten und Kulturtechniken. Individuelle oder gesellschaftliche Gewalt darzustellen ist emotionalisierend, schafft intellektuelle Auseinandersetzung und ist unterhaltsam. Und dies auch für Jugendliche, in deren Lebensphase Gewalt und Sex mit ihren lustvollen wie problematischen Anteilen eine besonders dynamische Rolle spielen. Will man die Thematisierung von Gewalt in den Filmen von Jungen und Mädchen geschlechtsspezifisch unterscheiden, so fällt neben vielen Gemeinsamkeiten auf, dass Mädchen mehr Opferrollen mit persönlichen Erlebnissen und Ängsten reflektieren, und damit die Opferrolle verlassen, Jungen dagegen eher Gewaltillusionen lustvoll-spielerisch in der pointierten Verarbeitung medialer Gewaltpräsentationen schaffen. In ihren Filmen können sie ­ bigger than life - folgenlos böse oder Helden sein. Über 3 Jahre veranstalteten wir die jeweils 2tägige Workshop-Trilogie »Mörder«, »Mehr Mörder« und »Noch mehr Mörder«. Problemorientierte Gewalt-Thematisierungen mit den Inhalten Krieg, Tierschutz, Sexualisierte Gewalt, Rassismus standen hier neben trashigen und genremäßigen Gewaltinszenierungen in Horror-, Action und Crime-Filmen. In diesem Rahmen wurde auch das Video »Meine Erfahrungen mit Gas-Pistolen« von einer Gruppe von 18jährigen Schülern produziert wurde.

Auch Helden haben Probleme ­ Zu einigen Schwierigkeiten in der Jungenvideoarbeit Den hier bisher beschriebenen Konzepten und Erfahrungen schwingen Erfolgsamkeit und Leichtigkeit mit. Dieses ist zwar stimmig, die Steine im Weg sollen jedoch nicht verschwiegen werden, damit der Leser vor der praktischen Umsetzung überlegen kann, ob er diese Steine aufnehmen oder umgehen will.

1. Zum Anleiter:

Probleme bei Jungenvideoproduktionen können für den medienpädagogischen Anleiter, die Jungen als Filmemacher selbst und für die ZuschauerInnen entstehen: Grundsätzlich kann ein Jungenfilm natürlich auch von einer Frau angeleitet werden, aus ähnlichen (und deswegen hinlänglich bekannten) Gründen wie in der geschlechtsspezifischen Mädchenarbeit empfiehlt sich jedoch für reflektierte Jungenfilme ein Mann als Anleiter. Andererseits gilt natürlich der Grundsatz: Wenn kein Mann greifbar ist, könnte der Verzicht auf eine kompetente Frau der Verzicht auf die Videoproduktion insgesamt bedeuten, und das wäre natürlich der »Worst Case«. Eine reflektierte Jungenvideoproduktion erfordert ganzen Einsatz von dem Anleiter und ist besonders anstrengend. Die sozialen und kommunikativen Kompetenzen von Mädchen als Hebamme für Jungen werden in Startphase des Konzeptionierens des Filmes vermisst. Die Jungen werden im geschlechtshomogenen Setting persönlicher, haben höhere Ansprüche und fordern verstärkt Statements von Erfahrungen und Meinungen des Anleiters als Vorbild bzw. Zukunftsprojektion.

Die gemeinsame Reflexion im Rahmen der Filmkonzeption provoziert eine aufwendige Aufarbeitung der eigenen Biografie des Anleiters. Dabei kann dieser froh sein, dass er nicht mehr so alt ist, sich im Produktionsprozess innerlich verjüngen oder unter seinem Alter leiden: Chance vertan. Filmemachen hat jedoch auch viel mit Neugierde zu tun. Insofern kann die eigene biografische Reflexion des Anleiters für diesen interessant aber auch langweilig sein, weil für ihn prinzipiell nichts neu ist. Bei der Arbeit mit Heterojungen entfällt noch dazu die stimulierende Hetero-Anmachsituation für ihn. Hier ist er nicht der sexy Held. Zugleich sieht er sich als Mann in der Rezeption der von ihm angeleiteten Jungenfilme einer besonderen weiblichen Kontrolle ausgesetzt, weil von Frauen leichter Aussagen des Filmes auf ihn als Anleiter projiziert werden, das heißt er steht unter einem besonderen Leistungsdruck.


2. Zu den jungen Filmemachern:


Voraussetzung für einen guten Film ist eine bestmögliche Kooperation und Kommunikation. Beides müssen Jungen langsam durch eigene positive Erfahrungen lernen, d.h. dass es keinen Chef gibt, der autoritär bestimmt, dass ein offenes Gespräch neugieriges Interesse auslöst und Solidarität aber nicht Verletzung auch bei tabuisierten Themen zur Folge hat, und dass diese für unwichtig gehaltene eigenen Geschichten später wichtige Grundlage des Filmkonzeptes selbst werden. Es ist zwar schön aber auch anstrengend für Jungen eine autonome »männliche« Identität zu entwickeln. Sie sehen sich Ansprüchen »ihrer« Mädchen, ihrer männlichen Vorbilder und anderen Jungen gegenüber. Werden sie verbal oder filmisch intim, sehen sie sich der Abwertung als unmännlich und damit schwul ausgesetzt. Kümmern sie sich um sich, so müssen sie in ihren Beziehungen umso mehr beweisen, dass hier keine Konkurrenz entsteht.


3. Zu den ZuschauerInnen:


Wenn Filme provozieren, so ist dies manchmal jugendgemäß polarisierend von den Autoren intendiert. Ein fehlendes Verständnis kann jedoch auch an der inneren Entfernung von Autoren und Publikum liegen. Natürlich kann ein Film auch einfach dumm sein und das Unverständnis richtig. Der filmische Ansatz ist ein subjektiver und nicht pluralistischer. Der Film soll erst einmal nur die Erfahrungen und Meinungen seiner Macher selbst vermitteln und mehr nicht. So können Filme von Mädchen und Frauen als frauenfeindlich erlebt werden. Heterojungen können manchmal ungewohnte Jungenbilder nicht aushalten. Politische Entscheidungsträger, Eltern oder PädagogInnen zeigen sich schon mal verärgert (und reagieren autoritär verbietend), wenn die Filme nicht ihre moralisch-integere gesellschaftliche Erwachsenenmoral wiederspiegeln.




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