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Gewaltprävention
Text als Pdf
O-Töne aus Videoproduktionen zum
Thema »Gewaltprävention«
Gewalt ist eines der dominierenden
Themen, wenn Jugendliche selbst Videos drehen. Sie inszenieren
gewaltvolle Geschichten genrespezifisch in Spielfilmen wie
ihre großen »Vorbilder« im Kino und Fernsehen. In Reportagen
und Dokumentationen zeigen sie die reale Gewalt, die sie umgibt.
Opfer medialer Gewalt sind sie – so aktiv – nie. Eine politische
und pädagogische Gewaltdiskussion, die sich mit den Folgen
medialer Gewalt für Jugendliche, und eine mediale Gewaltdiskussion,
die sich mit den Gefahren durch gewalttätige Jugendlichen
beschäftigt, lenkt davon ab, daß Kinder und Jugendliche im
viel größeren Ausmaße Opfer als Täter von direkter und struktureller
Gewalt sind, und zwar in der Regel Opfer von Gewalt durch
Erwachsene. Sie werden geschlagen, sexuell missbraucht, gedemütigt.
Sie leiden unter Armut, Flucht aus Krisengebieten und Menschenrechtsverletzungen.
Sie werden krank und behindert von Umweltzerstörungen. Ihnen
wird mit Trennungen der Eltern Vater- oder Mutterliebe vorenthalten.
Sie sind besonders betroffen von Ausbildungsnot und Arbeitslosigkeit.
In ihren Filmen zeigen Jugendliche die Gewalt, die sie selbst
erleben, unter der sie leiden. Die dargestellten Probleme
sind von ihnen als Opfer oftmals nicht (kurzfristig) zu lösen,
da Erwachsene für sie verantwortlich sind. Die Darstellung
schafft ihnen jedoch eine positive Artikulationsmöglichkeit
ihrer Ohnmacht zu entfliehen, sich anderen mitzuteilen, die
vielleicht ähnliche Erfahrungen haben und verständnisvoll
solidarisch sein können. Neben Liebe und Sexualität ist Gewalt
schon historisch ein zentrales, kreativ unerschöpfliches Thema
in allen Künsten und Kulturtechniken. Individuelle oder gesellschaftliche
Gewalt darzustellen ist emotionalisierend, schafft intellektuelle
Auseinandersetzung und ist unterhaltsam. Und dies auch für
Jugendliche, in deren Lebensphase Gewalt und Sex mit ihren
lustvollen wie problematischen Anteilen eine besonders dynamische
Rolle spielen.
Wenn Jugendliche und junge Erwachsene ihre Inhalte und Ästhetiken
in ihren Filmen zeigen, macht dies nicht nur kulturell und
politisch sondern auch pädagogisch Sinn. Filmemachen ist gewaltpräventiv,
ob in den Filmen Gewalt selbst thematisiert wird oder nicht.
Die Produktion eines Filmes erfolgt bei Profis wie bei Jugendlichen
arbeitsteilig. Auch für ein ansehbares Amateurvideo benötigt
man/frau AutorInnen für das Drehbuch, einen Regisseur, eine
Kamerafrau, Schauspieler, jemanden der das Mikrofon hält bzw.
die Interviews führt, Beleuchterinnen, Requisite und Make
up, Cutter etc.. Alle müssen sich in diese für sie meistens
neuen Aufgabenfelder einarbeiten, und die Güte des Filmes
macht nicht zu letzt die Qualität der Kooperation und Kommunikation
der Beteiligten aus. Das gemeinsame Produkt schafft hierbei
Identifikation. Da sich Jugendproduktionen idealerweise mit
dem jugendlichen Leben selbst, d.h. mit der geträumten oder
tatsächlichen Realität der MacherInnen beschäftigt, geben
sie ihnen die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit ihrem
Leben zwischen Eltern, Schule bzw. Berufsausbildung, Partnerinnen,
Freunden und sich selbst mit allen Wünschen und Ängsten.
Andererseits ist Filmemachen vor allen Dingen eine Kulturtechnik
und nicht nur eine pädagogisch-präventiv eingesetzte Methode.
Die meisten Filme werden von jugendlichen wie erwachsenen
FilmemacherInnen nicht gegen etwas produziert, sondern aus
Lust an den bewegten und bewegenden Bildern, als Mittel der
Selbstdarstellung bzw. zur Artikulation ihrer Meinungen und
Geschichten.
Das aktive Produzieren von Videos verschafft Jugendlichen
Medienkompetenz, da sie hierbei notwendigerweise das Medium
Film reflektieren und es sich künstlerisch, handwerklich und
technisch aneignen. Dieses ist jedoch eine pädagogische Sichtweise
von außen. Für das Medienprojekt Wuppertal, seine MitarbeiterInnen
und die jungen FilmemacherInnen war dies noch nicht der Grund
für einen einzigen Film.
Wenn man Jugendliche wie ihr Filmemachen Ernst nimmt und dies
nicht nur als pädagogische Methode sieht, heißt das für die
Produktion:
- Die Filme müssen adäquat präsentiert werden. Alle 100 Videos,
die Jugendliche in Wuppertal pro Jahr produzieren, werden
in Kinos per Großbildprojektion uraufgeführt. Das Kino als
Präsentationsort ihrer Filme wird so die Bühne, wo Jugendliche
ihre sinnhaften oder sinnlosen Geschichten erzählen, wo sie
sich selbst sexy, intelligent, witzig, politisch aber auch
mal im negativen Fall langweilig, dumm oder sexistisch darstellen
können. Hier gibt es unmittelbare Reaktionen im Publikum in
Anwesenheit der FilmemacherInnen. Die Videos werden jedoch
nie pädagogisch-angeleitet und -beeinflußt diskutiert sondern
nur informell unter den Jugendlichen, wenn sie der Film tatsächlich
berührt, unterhalten, angeregt oder aufgeregt hat.
- Es muß adäquates Video-Equipment auf dem aktuellen Stand
der Technik vorhanden sein, um nicht die Mühe beim Dreh mit
verrauschten Bildern und Tönen beim digital-verwöhnten Publikum
untergehen zu lassen.
- Die Filme von AnfängerInnen sollten von Personen angeleitet
werden, die Lust am Film haben und das Filmhandwerk verstehen,
das heißt in der ersten Linie von FilmemacherInnen und nicht
unbedingt PädagogInnen.
Im Folgenden soll an 3 Beispielen aufgezeigt werden, wie Jugendliche
medial mit individueller und gesellschaftlicher Gewalt umgehen:
Zum Beispiel
Videoworkshops zur Gewaltprävention
in Schulen
Anlaß für die Videoworkshops zur Gewaltprävention waren die
häufigen gewalttätigen Übergriffe von SchülerInnen der Haupt-
und Sonderschulen auf die GymnasiastInnen in der Elberfelder
Nordstadt. In diesem Stadtteil wurden die Videoworkshops in
Kooperation mit einem Stadtteilarbeitskreis über sieben Jahre
hinweg regelmäßig einmal jährlich durchgeführt. An jeweils
zwei Schultagen produzierten hundert SchülerInnen der Jahrgangsstufen
7-10 aus den im Stadtteil vertretenen Schulen (katholisches
Gymnasium, Gesamtschule, zwei Realschulen, Hauptschule, zwei
Sonderschulen) gemeinsam in Arbeitsgruppen Kurzfilme zu einem
übergreifenden gewalt-immanenten Thema, zum Beispiel »Schafe/Wölfe«,
»Familie«, »Das erste Mal«, "Typisch Mädchen, typisch Junge".
Unmittelbar nach dem Dreh und Schnitt der vierzehn Videos
wurden diese, als Rolle montiert, im Kino uraufgeführt und
danach in gemeinsamen Veranstaltungen für alle SchülerInnen
der Jahrgangsstufen 7-10 aller beteiligten Schulen (d.h. ca.
2.500 SchülerInnen) präsentiert. Anschließend wurden die Filme
als Bildungsmittel in den Schulen genutzt und vom "Medienprojekt
Wuppertal" bundesweit vertrieben.
Zum Beispiel
»Mörder«-Videoworkshops
In den letzten drei Jahren veranstaltete das Medienprojekt
jeweils im Februar einen großen Videoworkshop zum Thema »Mörder«
bzw. »Mörderin«. Zwischen 100 und 150 Jugendliche und junge
Erwachsene im Alter von 14 bis 25 Jahren produzierten an einem
Wochenende in Gruppen 15 bis 25 Kurzspielfilme, Reportagen,
Musikvideos und Trickfilme. Die Videos wurden direkt danach
im Kino uraufgeführt und anschließend vertrieben. Die Mördergeschichten
der Jugendlichen zeigen genrespezifische trashige Gewaltinszenierungen,
Horror, Crime und Action genauso wie selbst erlebte Gewalt,
Rassismus, Gewalt gegen Tiere, Selbstmordgedanken und politische
Ungerechtigkeiten.
Zum Beispiel
Videoworkshops gegen sexualisierte
Gewalt
1996 und 1997 veranstaltete das Medienprojekt in Zusammenarbeit
mit den lokalen feministischen Fachstellen (Frauen-Notruf,
Frauenhaus, Gleichstellungsstelle, Frauenberatungsstelle,
Splittertal, Mädchentreffs) Videoworkshops gegen sexualisierte
Gewalt. Unter dem Motto »Leben mit dem Feind« (1996) und "Nicht
mit uns" (1997) produzierten Mädchengruppen und Jungengruppen
geschlechtsgetrennt unter der Anleitung von jeweils einer
Fachfrau und einer Filmemacherin, bzw. einem Fachmann und
einem Filmemacher, Videos zu eigenen Erlebnissen sexualisierter
Gewalt. Diese wurden im Kino uraufgeführt und dann als Bildungsmittel
für die Präventionsarbeit vertrieben. Die beteiligten Jugendlichen
fanden durch ihre Filmproduktionen nach vorne gerichtete,
solidarische Verarbeitungsmöglichkeiten und schufen für andere
jugendliche ZuschauerInnen eine Auseinandersetzungsebene mit
sexualisierter Gewalt und dem Umgang zwischen den Geschlechtern.
Zum Schluß bleibt die Frage nach dem Anlass der Gewaltdiskussion:
Wer würde in einer Musikschule fragen, ob Klavierspielen für
Jugendliche gewaltpräventiv sei; wer würde beim Kunstunterricht
darüber nachdenken, ob sich Jugendliche beim Malen ihrer Bilder
mit den Gewaltinhalten von Bildern anderer KünstlerInnen auseinandersetzen;
wer diskutiert beim Jugendtheater Gefahren durch Gewaltprojektionen
für die jugendlichen SchauspielerInnen oder ZuschauerInnen;
wo werden die Folgen eines gewaltimmanenten Schreibstils im
literarischen Schaffen Jugendlicher oder in der von ihnen
konsumierten Literatur problematisiert? Nicht zuletzt weil
das Medium Video immer in den Händen von PädagogInnen und
nicht von KünstlerInnen lag, weil Fernsehen als emotionales
Medium eine neue Konkurrenz zu den tradierten mittelschichts-
und damit sprachlich-orientierten Kulturtechniken von Erwachsenen
darstellt, die eine andere mediale Sozialisation als die heute
mit höheren rezeptiven Kompetenzen aufwachsende Jugendliche
erlebten, wird eine Diskussion von realen Gewaltverhältnissen
auf mediale Gewaltverhältnisse verlagert.
Filme machen heißt Illusionen erzeugen. Filmische Gewalt ist
eine solche, auch wenn Jugendliche sie (re)produzieren, und
damit auf die von ihnen erlebten direkten und strukturellen
Gewalttätigkeiten der Erwachsenenwelt hinweisen, in die sie
hineinwachsen. So ist es für Erwachsene wie die Jugendlichen
selbst gut, wenn diese sich lustvoll und produktiv artikulieren.
Und warum nicht per Video, und warum nicht über Gewalt. So
kann Pädagogik schon mal Kopf und Herz, und dies sogar vorzeigbar
und publikumswirksam, miteinander verknüpfen.
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